photo.graph

Im letzten Beitrag war einer, der Angst hatte, fotografiert zu werden, von einer Frau, weil dann eine Kopie seiner selbst dann einfach so da sein könnte. Totale Anwesenheit, als stünde er sich gegenüber? Kinder ‘haben’. Besitz. Nachgeahmter Körper, Mimikry? Aber es hat dann doch ein Eigenleben, weil´s einen anschaut und der eben genannte Ängstliche fürchtet dann, in seinem Status des Originalseins in Frage gestellt zu sein? Ist er doch auch nur Kopie von seinen Zeugenden? copia – Menge, Vorrat und natürlich Nachbildung. Sind es Kopien, die da schlüpfen?  Problematisch, wenn sie sich nicht wie eine Kopie verhalten, sondern ein Eigenleben entwickeln?

“Durch den Spiegel und was Alice dort fand”, Illustration von John Tenniel

“Sei was du scheinen möchtest  -oder wenn du den schlichteren Ausdruck vorziehst – Stell dir niemals vor nicht anders zu sein als es andern vorkommen könnte daß was du wärst oder gewesen sein könntest nicht anders war als was du gewesen warst ihnen anders vorgekommen sein würde” [Carroll, die Herzogin sprechend, 105]

Anders: Fotograph. Die Kopie, die ihn anschaut und ihn in Frage stellt in seiner (Blick)position, die irgendwie durch die Fotographin gestört wird, zerstört? Das was ihn sich halten macht, sein Sein, sein Bild, welches ja wiederum irgendwie nicht ganz stabil, pur, roh, echt, original ist? “Das ist ein Widerstrahlen ohne Ende! Dort leuchtet grenzenlos des Himmels Spiegel, und saugt in seine silberweiten Wände die tiefe Welt, und preßt auf sie sein Siegel” [Rose Ausländer]. In Form, verformt, verdoppelt, irgendwie?

Das ist die Stelle wo das Schauspiel versagt
Das ist die Stelle wo die Spiegel zerfalln
Das ist die Stelle wo wir geschehen
Wo wir die Krücken wegwerfen und wandeln
Wo wir ausweichen und einstehn
Wo wir am Morgen bestürzt sind vor Licht
Das ist die Lindenblattstelle
Das ist die Mutaborstelle
Das ist der Büttenbinderin Schoß

Würde dazu vielleicht Oskar Pastior sagen? Funktion des Blicks: Nicht verschwinden. Sich sehen müssen, nicht sich sich sehen. Eskamotage, Magie, Taschenspielertrick, sich zum ver.schwinden bringen [vgl. Lacan, 81f]. Die Kopie in dem Sinne des Ängstlichen die Funktion der Eskamotage erzeugend, seine Funktion des Blickes aufhebend? Und Schuld..ist die Fotographin. Der Fotograph – den gibt es in dem Kontext dann wohl nicht. Weil er sich hält an seinem Sichtbaren (subvidere) und sie nichts zu halten, nichts zu zeigen hat, so das ganze Bild nehmen wird? Nicht nur den Rahmen, könnte man vielleicht sagen. I want more! (das sagte mal Madonna..und wenn ich recht erinnere, rülpste sie dann herzhaft).  Fleck im Bild, Bild im Bild, tableau, Fleck ab.geschirmt, Bilder, Fleckerlteppich, durch-blicken, perspicere.

Anders: Photo, “ich bin nicht einfach jenes punktförmige Wesen, das man an jenem geometralen Punkt festmachen könnte, von dem aus die Perspektive erfasst wird” [Copjec, zitiert Lacan, 45]. Graph:”Weil er allein fähig ist, den Dingen Sinn zu verleihen, macht allein der Signifikant das Sehen möglich. Es gibt kein rohes Sehen” [Copjec 47]. Das da rechts, das wäre ein roher Graph. Es gibt viele andere noch, je nach Kontext und Zugang, je nach dem, was man ‘sehen’ will.

Also ein Bild. Eigentlich auch Spiegelndes, Fleck? Ein Bruch, ein Riss, der immer schon da ist, vielleicht Ungewohntes, keine Vertrautheit auf ‘den ersten Blick’, “… daß meine Bilder nicht in einer Vertrautheit angesiedelt werden können, welche sich die Automatik des Denkens schaffen möchte, um sich der Beunruhigung zu entziehen” [Foucault zitiert Magritte, 31]. Vertrautes – Sehen. Im Gegenüber? Keine Ecken, keine Kanten? Dann muss man sich nicht aus-ein-ander-setzen? Ge-sehen-werden-wollen-können?

“Sagtest du Schweinchen oder Steinchen?” sprach die Katze. “Ich sagte Schweinchen” erwiderte Alice, “und es wäre mir sehr lieb, wenn du nicht mehr gar so plötzlich erscheinen oder vergehen wolltest: du machst mich ja ganz schwindelig!” “Ist gut” sprach die Katze; und diesmal verging sie ganz langsam, die Schwanzspitze zuerst, und zuletzt das Grienen, das noch eine Zeitlang sichtbar blieb, als alles übrige schon verschwunden war.”

“Oh, ´s ist die Liebe, nur Liebe allein, die macht, daß die Welt sich dreht! Jemand sagte einmal, flüsterte Alice, das komme daher, daß sich jeder um seine eigenen Angelegenheiten kümmere” Ja wohl! Das bedeutet fast genau dasselbe, sprach die Herzogin [Carroll, 104]. Oder anders, oder ähnlich, “wir lieben uns selbst mit einer unbedachten Hingebung; diese zeigt uns ein anderes Bild von uns, als wir wirklich sind. Das ist geradeso wie bei der Liebe; diese läßt die umworbene Person schön und reizvoll erscheinen” [Montaigne, 249] ..und unser Denken verformt sich, verändert sich, also um sich drehen, drehen um jeweils jemand oder etwas und sich selbst um die eigene Achse. Die eigene Achse, die des anderen, also nicht nur Fassade. Drehungen, die dahinter stattfinden. Dahinter, wo nichts ist, wobei nichts auch irgendwie ist und ist .. Gesehenes, Erscheinendes sich verändern lassen, keine Bilder in Zement gießen und anstarren.
Illustration ist auch so ein nettes Wort, „erleuchten, erklären, preisen“. Da malt man was für einen Text und erleuchtet, erklärt oder preist gar das Geschriebene. Verständlich machen. Via Bild(haftem). Kalligraphie,..eine Brücke? Warum sagt Bildhaftes scheinbar mehr, das Bißchen more? Weil wir so aufs Sehen versessen sind? Und die nichtSehenden? Blindenschrift…die Sehen im Fühlen, taktil? Sehen. wahrnehmen. erkennen. finden. glauben. mit den Augen folgen.  Mehr drin als Bild.

Zu Letzt: Bestellte ich Glühwein. Was bekam ich: Heißes Wasser mit einem Sackerl Teefix-‘Glühwein’. Was hätte ich bezahlen sollen: 6,40eur. Schwinden hät ich wollen, ein Griensen überlassend.

 

 

Lewis Carroll: Alice im Wunderland, Reclam, 1999
Rose Ausländer und Oskar Pastior in: “Es ist gewiss, du bis nicht ich”, Spiegel Gedichte, Reclam, 2009
Jacques Lacan: Seminarbuch XI, Quadriga, 1996
Michel Foucault: Dies ist keine Pfeife, Carl Hanser Verlag, 1997
Michel de Montaigne: Die Essais, Dietrich´sche Verlagsbuchhandlung, 1953 [Montaigne sei wärmstens empfohlen zum Weiterlesen…so ein schönes Buch, auf den ersten und zweiten Blick]

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