n.ich.t [KörperGeister II]

Fiktive Welten, Monotono-Theismus

„In der Vorstellungswelt des Christentum kommt nichts vor, was die Wirklichkeit auch nur anrührte“ [UaW, 39]. Statt Christentum könnte man auch eine Leerstelle lassen, einiges an Begriffen passt hier hin. „Der ‚Christ‘, das, was seit zwei Jahrtausenden Christ heißt, ist bloß ein psychologisches Selbst-Mißverständnis […] Der ‚Glaube‘ war zu allen Zeiten […] nur ein Mantel, ein Vorwand, ein Vorhang, hinter dem die Instinkte ihr Spiel spielten,..“ [UaW, 39]. Das ist toll, wenn einem Worte vor die Füße fallen und dann auch noch die Verknüpfung daneben liegt.

Vorhang

Schema des Schleiers (Se IV, 183)

Schema des Schleiers (Se IV, 183)

Nietzsche:„Diese reine Fiktionswelt unterscheidet sich dadurch sehr zu ihren Ungunsten von der Traumwelt, daß letztere die Wirklichkeit wiederspiegelt, während sich die Wirklichkeit fälscht, entwertet, verneint“ [UaW, 14]

Lacan:„Doch sobald der Vorhang seinen Platz einnimmt, kann sich auf ihm etwas abzeichnen, und das besagt – das Objekt ist jenseits“ [183]

Nietzsche: Imaginäre Ursachen, Gott, Seele, ich. Imaginäre Wirkungen: Sünde, Erlösung, Gnade, Strafe… . Imaginäre Wesen: Gott, Geister, Seelen… . Imaginäre Teleologie: Reich Gottes, jüngstes Gericht, ewiges Leben.. . [vgl. UaW, 14]

Lacan:„Das Objekt kann den Platz des Mangels einnehmen und als solches Träger der Liebe sein, doch insofern es eben nicht die Stelle ist, an die sich das Begehren bindet […..] Durch eine Metapher überträgt sich die Liebe auf das Begehren, das sich an das Objekt als illusorisches bindet“ [183/185]

Nietzsche:„Die Furcht vor Schmerz, selbst vor dem Unendlich-Kleinen im Schmerz – sie kann gar nicht anders enden als in einer Religion der Liebe“ (UaW, 30]

Im Fetisch wird nach Lacan die Kastration der Frau bejaht und verneint, den Phallus hat „sie eben nicht verloren“ [183], im Fetisch. Aber man(n?) kann sie ihn verlieren lassen, man könne sie kastrieren. Warum will man das ‚Kastriert-Sein‘ einer Frau nicht annehmen? Angst vor…Schmerz, Kastrationsangst, Projektion oder/und aber nicht nur. Visuelles, das Angst erzeugt? Phallozentrismus, Androzentrismus, Religion, Blick, Bild, Sicherheit, Wissen sehen?

Der Fetisch ist ein Denkmal* [184]

Paradies: Glaube (Seidl, 2012)

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pathologisches Subjekt # ethisches Subjekt

Folgendes unterstreicht schlussendlich, was ich hier angerissen habe. Kobbé, der (auf Lacan referierend?) meint, bei Kant würde es darum gehen, das man als reines Willensubjekt (quasi „Automaten der Pflicht“) kein ‚Subjekt des Begehrens‘ mehr wäre… und genau darum geht es – denke ich nach wie vor – eben genau nicht, das wäre lediglich eine Lesart ‚auf den ersten Blick‘. 

Das Subjekt „der praktischen Vernunft ist anfänglich gespalten, gespalten zwischen dem Pathologischen und dem Sittlichen“ [Zupančič, 31], nach Allain Miller, den sie zitiert, ist das Subjekt durch die Verpflichtung gespalten, „zwischen dem Pathologischen und seiner Spaltung zu wählen“ [ebda]. Die Alternative zum Pathologischen sei die Freiheit, Autonomie. Aber: das soll nicht eine absolute Unabhängigkeit meinen, sondern vielmehr:“die einzige Freiheit des Subjekts ist die, gespalten zu sein und seine eigene Spaltung zu wählen“ [ebda]. Und wann wollen wir das, können wir das wollen und tun, das kann man nie sagen, man selbst nicht und schon gar nicht von ‚Außen‘, es „gibt keinerlei Belege dafür […], daß wir in unserem Wollen frei sind [Zupančič, 35]. Man köne nicht mit dem Finger darauf deuten und sagen, daß diese oder jene Handlung frei war [vgl. ebd. 37].

„Der Mensch ist nicht nur viel unfreier, als er glaubt, sondern auch viel freier, als er weiß“ [Zupančič, 35]

Das ‚Ich‘ der praktischen Vernunft sei nicht bei sich. Zur Freiheit gelangt man in soweit, als man „einen Fremden im eigenen Haus entdeckt“ [Zupančič,, 33]. Den Anderen als anderes/Anderen erkennen, anerkennen. Das ‚Ich‘, das es nicht gibt, dafür ist kein Platz, weil etwas anderes im Vorder-grund ist und genau dies wird verkannt und mit Kant würde es aber bestenfalls anerkannt, erkannt. Da hagelte es scheinbar Kritik, klarerweise, denn es gehe um eine Verwerfung dessen, was „most truly ours“ sei [vgl. ebda]. Dieses Fremde, Andere sei nach Kant eigentlich unser wahrhaft eigenstes und das etabliert die paradoxe Situation, dass wir niemals mit Gewißheit wissen könnten, ob wir  aus pathologischen Interessen handeln, aber wir seien gleichzeitig für alle Handlungen verantwortlich, wir handeln „jederzeit als freie Täter“ [vgl. Zupančič, 34]. Wir sind un_frei oder un/frei, oder frei. Gerade als automaton seien wir freier als wir wüssten und Zupančič formuliert dies ‚auf‘ lacanianisch:

„da, wo das Subjekt sich autonom glaubt, beharrt Kant auf der Irreduzierbarkeit des Anderen. Und eben da wird sich das Subjekt auch seiner Abhängigkeit gegenüber dem Anderen gewahr (diesen oder jenen Gesetzen, verborgenen Motiven .. ) und erkennt sie an […] Es gibt kein Anderes im Anderen, der Andere ist selber inkonsistent“ [Zupančič, 35f].

Klaffender Abgrund im Anderen, die Wahl der Freiheit als erzwungene Wahl, wir könnten nicht anders, als uns als Freie zu glauben, wiederum „Der Mensch ist viel unfreier als er glaubt“, ein Mangel an Freiheit, die Freiheit ist nicht vermessbar, man kann eben nicht mit dem Finger darauf zeigen [vgl. ebda].

Weg des Subjekts

Der Weg vom pathologischen zum ethischen Subjekt wäre nach Kant ein radikaler Weg („Revolution in der Gesinnung, eine Änderung des Herzens“). Sich der Erfahrung „der radikalen Pathologie zu unterziehen“ [Zupančič, 38]. Eine Art ‚sich‘ ver-lieren, aus dem Rahmen fallen, hin fallen und liegen bleiben, bevor man hektisch, panisch wieder aufspringen kann, um schnell wieder in den Rahmen zu klettern. Depsychologisierung würde Kant es nennen. Ein Punkt, ein Moment wo klar würde, das man sich nie aussagen könne, also „ich handle, ich denke..“. Um sich als Sub-jekt wählen zu können wäre der Moment des Nicht-Seins zu pass-ieren [vgl. ebd. 39].

Dieser Moment – ein hoher Anspruch, ein hoch gesteckter Ansatz. Sich mit sich konfrontieren? Ein Anspruch der psychoanalytischen Kur? Und somit auch einer, der sich an AnalytikerInnen richtet? Wie häufig findet es sich realisiert? …

Die Freiheit des Subjekts gründet „nur im Gesetz der Notwendigkeit selber: Es gilt den Punkt zu erkennen, an dem das Subjekt selbst seine (aktive) Rolle im Gesetz und in der Kausalitätnotwendigkeit spielt, den Punkt, an dem es selbst schon zuvor in dem eingeschrieben ist, was als vom Subjekt unabhängige Gesetze der Kausalität erscheint“ [Zupančič, 40].

Selbst wenn man von irgendeiner „Ursache vom Strom der Naturnotwendigkeit fortgerissen wurde“, ist man es schlussendlich selbst, der eben daraus eine Ursache machte, „Ursache der Ursache könne nur das Subjekt sein; das Andere des Anderen […] Der Wille kann sich auf ein bestimmtes Objekt richten, während dieses Objekt zugleich nicht seine Ursache ist“ (Zupančič, 41].

Fetisch-Objekt

 Da wäre ein bestimmtes Objekt das eine Person A kalt lässt und es aber eine „Person B (ohne daß sie etwas dagegen tun kann) zu einer ganzen Kette von Handlungen [..] und Ritualen treibt“, nicht weil Person A „moralischer“ wäre, sondern allein aufgrund der unterschiedlichen Rollen, die das Objekt für die Personen spielt [Zupančič, 41]. Mit Kant formuliert ließe sich sagen, das Objekt wurde bei Person B in dessen/deren Maxime aufgenommen, es wird zur Triebfeder, er oder sie würde nie sagen können, dass er/sie am Tag X beschlossen habe, daß ___ das höchste Objekt des Begehrens wurde, eher würde die Person sagen, dass er oder sie dagegen halt nichts machen kann [vgl. ebd. 41].

„Das Subjekt ist zugleich Subjekt (d.h. Unterworfenes) seines eigenen Unbewußten und derjenige, der in letzter Instanz dieses Unbewußte ‚gewählt‘ hat“ und diese ‚Wahl‘, die Art und Weise der Wahl sei die Möglichkeitsbedingung der (Psycho)Analyse überhaupt. Mit Kant wiederum:“Die Gesinnung, die Orientierung des Subjekts, muß selber frei gewählt worden sein“ [ebda]

Und wer war vielleicht von Kant inspiriert?

J. Lacan – O Sinthoma

 

Alenka Zupančič: Das Reale einer Illusion, Kant und Lacan, Suhrkamp Verlag, 2001
Friedrich Nietzsche: Umwertung aller Werte/Antichrist, Alfred Körner Verlag, Stuttgart, 1954
Jacques Lacan: Seminar IV, Die Objektbeziehungen, Turia+Kant, Wien

 

 

 

 

 

 

 

Übrigens: Sind hier, wie oben schon angemerkt, Begriffe wie ‚Christentum‘, oder auch das Kreuz (oder die Frau) in der Illustration „Paradies: Glaube“ im Grunde Platzhalter, an deren Stelle einiges anderes auch sein könnte. Also:„no offence!“

 

und außerdem:

Frei sind wir bei Kant nur „unter dem Aspekt des Noumenalen“, nie der Erscheinung nach. Frei also nur außerhalb jeder Erfahrung, etwas zu Grunde liegendes, Ding an sich.. da außerhalb unserer sinnlichen Erfahrung werden diese also ’negativ bezeichnet‘, da bin ich mir nicht sicher, ob das zusammen gehört: Bei Kant gibt es die Bestimmung der negativen Freiheit und der positiven. Die negative wäre die, die man denkt unter dem Gesichtspunkt der ‚wegfallenden Triebfedern‘, der positive dreht sich darum, was ‚kausal in sich beginnt‘. Dann gibt es Naturgesetze, die kausal wirken und es gibt eben die selbst-setzende Kausalität (das wäre schon in Richtung ethisches Subjekt), wie auch immer – ist hier wiederum die Sache mit den Antinomien interessant (KrV), „Alles in der Natur ist kausal bestimmt“, womit man dann wieder bei Copjec und Sexuierung wäre, … das wären einige von zahllosen Dingen, die unpräzise im Raum bleiben, im Grunde momentan auch wurscht. Kant liest sich wie Nietzsche nicht auf einmal und nicht so flott.

 

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