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Asger Carlsen, aus der Reihe "Hester"

Asger Carlsen, aus der Reihe “Hester”

Das gehört irgendwie zusammen. Unheimlich. Alles. Eigenfremd, selbst fremd und vertraut. Wie immer gilt: Zurück vor den Spiegel (wahrscheinlich ginge es weiter zurück, das ließe sich aber so schwer sagen dann). Ungeheuerlich? ..seltsam, unnatürlich, prodigiosus, beispielswiese in Latein, rüber ins Englische: wunderbar, außerordentlich, gewaltig, ungeheuer. Das gehört irgendwie zusammen. 

Manchmal haut es einen um, wenn man einen Artikel anfängt zu lesen, begeistert ist und das ganze dennoch bei Seite legt, um irgendwann damit fortzufahren. Man stößt dann auf einen Volkswagen. Damit fuhr ich früher auch, weinrot war die Kiste. Wie auch immer.

avant la lettre|devant le miroir

Hier etabliert es sich, irgendwie auch und vor allem. Ich. Also dessen (vages) Bild, das man dann benennt, gewissermaßen, man nennt ja ‘sich’ und sagt sIch. Annette Bitsch geht das an über den Trieb, irgendwie und zwar mit Freud und Lacan, mit wem sonst, vor allem mit Lacan (war er Freudianer?).
Die Montage beim Trieb präsentiert sich zuallererst ohne Schwanz und Kopf .. [Bitsch zitiert Lacan aus Seminar XI, 178] ..das Bild, das entsteht, eine in Gang befindliche Lichtmaschine, die an einen Gashahn angeschlossen ist, aus dem eine Pfauenfeder herausragt, die eine hübsche Frau am Bauch kitzelt, welche nur wegen der Schönheit der Sache da ist” [Bitsch, 373]. Hier geht es um die Ebene des Drangs* – das Triebziel und welches Bild bei diesem Gedanken entstünde. Die De/Montage des Triebs, der Drang* mit dem Ziel einer kreisförmigen Rückkehr, also irgendwie keinem Ziel, der Weg ist das Ziel und daher sind wir mal froh, dass der Weg kein Ziel hat. Sie verweißt dann auf ein Schema von Lacan, “Das Objekt a im Feld des Sichtbaren ist der Blick” gefolgt von einer Klammer hinter der zu sehen ist
in der Natur wie
= (-φ)
.. das findet sich im Seminar XI, 112 und in Ex Nihilo auf Seite 374. Ich verstand das so direkt vor 2 Jahren nicht, vor 4 Jahren nicht und heute auch nicht. Aber das macht nichts. Im Grunde gehe ich einfach zurück vor den Spiegel und vollziehe nach eine “identifikable Grundfigur ins Spiegelbild zu inserieren” [374] und lese weiter. Etwas inserieren, etwas woran der Blick sich halten kann und will, also? Der Moment, diese Momente sind die des Ausfalls von φ, .. – φ, so muss das Bild(hafte) Halt bieten, sonst etabliert sich kein sIch. Nicht so selbstverständlich vielleicht. Ein kopfloses Subjekt bliebe es, ist/wird dann der Blick im Feld des Sichtbaren nicht a ? Es kommt auch noch zur Unterscheidung zwischen symbolischen Mangel φ und imaginärem Mangel -φ und eben der übernehme in Lacans System die Funktion, dass kopflose Subjekt des Unbewussten in einen durch das Wort ‘Ich’ sich aus-sagbar machen, oder auch ebenso: in ein durch ‘Ich’ zentriertes Spiegelbild zu transformieren [vgl. ebda] und auch: Der Seinsmangel φ und imaginärer Mangel -φ, das wäre beim Blick der Punkt oder Moment, der ein Cogito zentralperspektivisch integriert und (vor allem) absichert, direkt verbunden, kurzgeschlossen, …im Moment der Übersetzung des kopf-und schwanzlosen Je in ein durch das Auge der Vernunft tailliertes Moi [vgl. ebd. 375].

“das, was einmal gesehen, das Auffallendste und Stärkste ist, fällt uns nicht auf” [Wittgenstein, 304]
…schlussendlich komme es zu einer “hominisierten Wirklichkeit, in der hübsche Frauen mit Pfauenfeder-Hüten durch die Straßen flanieren und sich ohne jedes Gefühl von Behelligung und Belästigung betrachtet wissen von distinguierten Herren, die in ihren mit potenten Lichtmaschinen equiperten Volkswagen an ihnen vorbeifahren” [ebda]. Eine “menschenaugenfreundliche und menschenaugenzahme Wirklichkeit”, aber und vor allem eben: Diese Fiktion, dieses leise Rattern der unermüdlich funktionierenden ‘ICH-Maschinerie-oder Zentralerie’, -φ und seine Verknüpfung zu φ, darf nicht enthüllt werden, das leise Rattern muss übertönt werden. Zumindest für die, bei denen die Etablierung des Ich ..mh..glatt verlief, reibungslos, falls es das überhaupt jemals tut.

René Magritte: Beschaffenheit des Menschen II

René Magritte: Beschaffenheit des Menschen II

Neben einigen anderen versuchte Magritte in gewisser Weise diese Funktion/Fiktion zu stören, Unordnung erzeugen, vor allem was die Verbindung Sprache – (Ab)Bild betrifft, “.. die Dinge aus ihren beengenden, irreführenden Namen zu befreien, sowie aus ihrer gesellschaftlichen und moralischen Geschichte” [Hammacher, 38]. Irgendetwas ‘Unordentliches’ liegt manchen Menschen zu Grunde? In Le Suerréalisme au service de la Révolution vom Mai 1933 plädierte Paul Nougé (ein Freund Magrittes) für ein neues »Sehen«, das nicht bloßes »Hinschauen« sei“ [ebd. 36]. Ein neues Sehen.  Wie könnte das .. ausschauen?

Vielleicht, anders angegangen, wenn uns ein Bild nicht mehr gefangen hielte? “Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen” [Wittgenstein, 300]

 

Hammacher, Abraham M.: René Magritte, DuMont Buchverlag Köln, 1992

zu Valie Export: “the voice as performance, act and body“, 2007 und gewissermaßen nachzulesen bei Michaela Wünsch, Die Stimme als Objekt des Unheimlichen, der Angst und der Furcht, in: Y, 2/2012

zu Asger Carlsen“Hester”: Bis Mitte März findet sich in Berlin in der Dittrich & Schlechtriem Galerie eine Ausstellung seiner Serie ‘Hester’

Ludwig WittgensteinTagebücher 1914-1916, Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe Band I, suhrkamp Verlag 1984

Annette BitschEx nihilo, das Spiegelstadium in der Zeit von Lacan, Heidegger und Dalí, in: Blickzähmung und Augentäuschung, zu Lacans Bildtheorie, Hsg: Claudia Blümle und Anne von der Heiden, diaphanes, Zürich, Berlin [ein wundervolles Buch, GrundlagenwerksSammlung fast schon, vielfältigste Beiträge, kreativ und präzis]

René Magritte, les amants

René Magritte, les amants

Immer nur Bild(haftes), Visuelles? Da wäre vielleicht mehr, hier und da:

“Die Stimme ist Suture, die Stimme ist Naht, die Stimme ist Schnitt, die Stimme ist Riß, die Stimme ist meine Identität, sie ist nicht Körper oder Geist, sie ist nicht Sprache oder Bild, sie ist Zeichen, sie ist Zeichen der Bilder, sie ist ein Zeichen der Sinnlichkeit. Sie ist ein Zeichen der Symbole, sie ist Grenze. Sie spricht den „gespaltenen Körper.”, sie ist in der Kleidung des Körpers verborgen, sie ist immer woanders. Der Lebensatem ist ihre Quelle……”

 

 

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