Textstellen

„Es scheint hier manches ja daraufhin eingerichtet, abzuschrecken, und wenn man neu hier ankommt, scheinen einem die Hindernisse völlig undurchdringlich. Ich will nicht untersuchen, wie es sich damit eigentlich verhält, vielleicht entspricht der Schein tatsächlich der Wirklichkeit, in meiner Stellung fehlt mir der richtige Abstand, um das festzustellen“ [Franz Kafka, Das Schloß, S. 293]

„Eines der Paradoxe des Ausnahmezustandes besteht darin, daß in ihm die Überschreitung des Gesetzes und seine Ausübung nicht unterschieden werden können, so daß was der Norm entspricht und das, was sie verletzt, in ihm restlos zusammenfallen […]. Das ist exakt die Situation, die in der jüdischen Tradition (und eigentlich in jeder genuin messianischen Tradition) bei der Ankunft des Messias eintritt. Die erste Konsequenz dieser Ankunft ist die Erfüllung und Aufzehrung des Gesetzes […]. Diese Erfüllung bedeutet jedoch nicht, daß das alte Gesetz einfach durch ein neues ersetzt wird, das dem vorangehenden homolog ist, aber einfach andere Vorschriften und andere Verbote enthält (die Thora von Azilut, das ursprüngliche Gesetz, das nach den Kabbalisten der Messias wiederherstellen muß, enthält keine Vorschriften und Untersagungen, sondern ist lediglich eine ungeordnete Ansammlung von Briefen). Hier ist vielmehr gemeint, daß die Erfüllung der Thora nun mit der Überschreitung zusammenfällt“ [Giorgio Agamben (2015), Homo Sacer, S.68]

Von den Gesetzen
Dann sagte ein Rechtsgelehrter: Aber wie ist es mit unseren Gesetzen, Meister?
Und er antwortete:
Es freut euch, Gesetze zu erlassen, 
Doch mehr freut es euch, sie zu brechen.
Wie Kinder, die am Meer spielen und mit Ausdauer Sandburgen bauen um sie dann lachend zu zerstören. Aber während ihr eure Sandburgen baut, bringt der Ozean mehr Sand an den Strand,
Und wenn ihr sie zerstört, lacht der Ozean mit euch.
Wahrhaftig, der Ozean lacht immer mit den Unschuldigen.
Aber was ist mit jenen, für die das Leben kein Ozean ist und für die von Menschen gemachte Gesetze keine Sandburgen sind,
Sondern für die das Leben ein Fels ist und das Gesetz ein Meißel, mit dem sie es gern nach ihrem Ebenbild formen möchten?
Was mit dem Krüppel, der die Tänzer hasst?
Was mit dem Ochsen, der sein Joch liebt und den Elch und das Wild des Waldes für streunende und heimatlose Wesen hält?
Was mit der alten Schlange, die ihre Haut nicht abstreifen kann und alle anderen nackt und schamlos nennt?
Und was mit dem, der früh zum Hochzeitsfest kommt und dann übersättigt und müde seines Weges geht und sagt, dass alle Feste Gesetzesübertretungen seien
und alle Feiernden Gesetzesbrecher?
Was soll ich von jenen sagen, außer dass auch sie im Sonnenlicht stehen,
aber mit dem Rücken zu Sonne?
Sie sehen nur ihre Schatten, und ihre Schatten sind ihre Gesetze.
Und was ist ihnen die Sonne anderes als etwas, das Schatten wirft?
Und was heißt, die Gesetze anzuerkennen anderes als sich zu bücken und ihre Schatten auf der Erde nachzuzeichnen?
Aber ihr, die ihr mit dem Angesicht zur Sonne geht,
welche auf die Erde gezeichneten Bilder können euch halten?
Ihr, die mit dem Wind reist, welcher Wetterhahn soll für euch den Weg weisen?
Welches Menschengesetz soll euch binden, wenn ihr euer Joch zerbrecht, aber an niemandes Gefängnistür rüttelt?
Welche Gesetzes sollt ihr fürchten, wenn ihr tanzt, aber über niemandes eiserne Ketten stolpert?
Und wer soll euch vor Gericht stellen, wenn ihr euer Gewand herunterreißt, aber es niemanden an den Weg legt?
Leute von Orphales, ihr könnt die Trommel dämpfen und die Saiten der Leier lockern, doch wer soll der Lerche befehlen, nicht zu singen?
[Khalil Gibran, 2003 [1923]: Der Prophet]

 

Wie schon gesagt, ist es das Gesetz, das einem „beinahe natürlichem“ Unmöglichen, einem empirischen Unmöglichen, das die Barriere des Gesetzes der Lust bildet, ein symbolisches Verbot hinzufügt. Damit erschafft es das Reale, des Jenseits (des Lustprinzips), mit dem das Subjekt somit in einen gewissen Bezug treten kann […] Schon seit einiger Zeit wird die Unfähigkeit des Gesetzes konstatiert, (weiter) als Stütze eines solchen Realen zu fungieren. Das ist eine unbestrittene Tatsache. Manche geben sich noch der Hoffnung auf eine Restitution des Gesetzes (als Autoritätsgesetz) hin. Andere stellen fest, daß das Reale selbst nie etwas anderes gewesen ist als eine Illusion des Gesetzes, daß die Zeit dieser Illusion abgelaufen sei […] Nun hat es seine Kehrseite, wenn man das Reale auf diese Weise zur Illusion erklärt (eine These, die verschiedene Formulierungen besitzt: alles ist Konvention, Sprachspiel, keine Idee wiegt ein Menschenleben auf,…), nämlich die merkwürdige Allgegenwart des Realen, die sich der, wie man sagen könnte, Naturalisierung des Unmöglichen verdankt. Der „Verlust des Realen“ fällt so zusammen mit seiner Wiederkehr in der Form der unerbittlichen Diktatur des Lustprinzips (oder auch des Realitätsprinzips). Das Reale (als Unmögliches) ist überall; aber es nicht mehr das, was einen Freiraum schaffen könnte für die Kraft des „Handelns“ oder des „Denkens“, sondern es erscheint im Gegenteil als erdrückendes Gewicht, das jedem „Tun“ und jedem Denken unverrückbare Grenzen setzt.

Die entscheidende Frage ist daher, ob sich ein nicht-natürliches Reales denken läßt, das sich nicht aufs Gesetz stützt, im Sinne der Existenz eines Anderen des Gesetzes, das als Garant des Realen des Realen fungieren kann. Denn genau darum handelt es sich: wenn es keinen Garanten des Realen gibt (d.h. dafür, daß das Reale „wahrhaftig real“ ist), muß man dann auf den Begriff des Realen selbst verzichten und es in die Hände jenes absoluten Anderen geben, das sich als („ökonomische“) Natur präsentiert, damit diese uns sage, was real (unmöglich) ist, was alles gegen „unsere“ Interessen geht? Dieser Gestus ist letzten Endes nichts anderes als „die freie Wahl der Nicht-Freiheit“, d.h. das, was #Kant das „radikal Böse“ nennt.

[…]

Wir haben es hier also mit einem Begriff des Realen zu tun, der wesentlich geknüpft ist an die Frage des Verhältnisses und nicht an die Intervention des Gesetzes. Der Gleiche Begriff des Realen findet sich auch in Lacans Seminar Encore. Das (Nicht-)Verhältnis, um das es geht, ist offenbar das sexuelle (Nicht-)Verhältnis. Man weiß aber, daß sein Kern nicht einfach eine Unvereinbarkeit des „Frau-Seins“ und des „Mann-Seins“ ist. Lacan situiert ihn in der Unmöglichkeit des Verhältnisses zwischen dem anderen als Objekt des Begehrens und dem Anderen als gleichsam „reine Form“ des Seins. Und hier gibt es kein Verhältnis, d.h. keinerlei Funktion oder Gesetz, das eine Beziehung zwischen beiden herstellen oder gewährleisten könnte. Eine weitverbreitete Abhilfe besteht in der Vertauschung/Verschmelzung beide, d.h. in der Reduktion des Anderen auf das Objekt a oder in der Auffassung des Objekts a als Anderen. Diese Konfusion kann zu einem (sexuellen) Verhältnis führen, das das Subjekt mit sich selber sogar über die Projektionsfläche des anderen unterhält. […]

Damit scheinen wir direkt über die Frage der Liebe gestolpert zu sein. Die Liebe, macht sie nicht eben möglich, den anderen um dessentwillen zu begehren was er ist? Überhaupt nicht, das ist ein großes „humanistisches“ oder „humanisierendes“ Mißverständnis, das dazu führt, aus der Liebe ein universelles Heilmittel gegen alle Übel zu machen, ein Heilmittel, das man in der Folge als Imperativ verordnet […] Man muß ganz im Gegenteil sagen, daß die Liebe überhaupt keine Antwort auf das Problem des Nicht-Verhältnisses ist, sondern vielmehr das, was sich durch seine zufällige und örtlich begrenzte Suspension eröffnet, d.h. was möglich wird, wo das Verhältnis „aufhört, sich nicht zu schreiben“ […] Die Liebe ist Wirkung eines Realen, das „aufhört, sich nicht zu schreiben“, oder auch, wie Lacan sagt, der hier ganz einverstanden ist mit Kant, sie ist ein Affekt.

Die Liebe im strengen Wortsinn (d.h. die Liebe, die nicht einfach Ausdruck des Begehrens oder Liebe zum anderen ist, sofern er uns gleicht) kommt in der Tat dem sehr nahe, was Kant das Gefühl der Achtung nennt. Sie entsteht daraus, daß etwas, was alles, nur nicht unseresgleichen ist (das Sein des Anderen ist niemals etwas, in dem wir uns wiedererkennen könnten […]), als letzte Bedingung unseres Begehrens zu fungieren beginnt.

[…]

Was ist eine Illusion? Folgt man Lacan, dann ist eine Illusion das, was die Negation des aufhört, sich nicht zu schreiben verschiebt ins nicht aufhört, sich zu schreiben, nicht aufhören wird, nicht aufhören darf. Anders gesagt ist die Illusion das, was glaubt, daß die Kontingenz des Verhältnisses, das sie eröffnet, sich in der Form der Notwendigkeit durchhalten könnte. Die Illusion glaubt an die Möglichkeit eines Zustandes, der das nicht aufhört, sich zu schreiben des Verhältnisses sicherstellen könnte. Dieser „Traum“ aber ist kein imaginäres Komplement der Abwesenheit jedes realen Verhältnisses, man träumt nicht von dem, was niemals war, man „träumt“ von dem, was geschehen ist und dessen Fortsetzung man sicherstellen will. Der Kern jedes Traums und jeder „Illusion“ ist das Reale, d.h. das Unmögliche, das geschehen ist.

aus Alenka Zupančič, 2001: Das Reale einer Illusion. Kant und Lacan, 131ff

 

 

virg.woolf

 

Samuel Butler (1926) über seinen Begriff des Unbewussten, aus „Das Unbewusste“ von Israel Levine

Samuel Butler (1926) über seinen Begriff des Unbewussten, aus „Das Unbewusste“ von Israel Levine

 

 

 

 

 

 

 

„Denn wir pflegen alle Individuen der Natur auf eine Gattung, welche die allgemeinste genannt wird, zurückzuführen, nämlich auf den Begriff des Seienden, der absolut allen Individuen in der Natur zukommt. Insofern wir daher die Individuen in der Natur auf diese Gattung zurückführen und miteinander vergleichen und wahrnehmen, daß einige mehr Sein oder Realität haben als andere, sagen wir, einige seien vollkommener als andere, und insofern wir ihnen etwas beilegen, was eine Verneinung in sich schließt wie Grenze, Ende, Unvermögen usw,. insofern nennen wir sie unvollkommen, weil sie unsern Geist nicht ebenso affizieren wie die, welche wir vollkommen nennen, nicht aber, weil ihnen etwas fehlt, was ihnen zukäme, oder weil die Natur gesündigt hätte“ [Spinoza, Ethik IV]

 

 

 

 

„Aber es gibt nicht die eine wahre Bedeutung. Bedeutung ‚fließt‘, sie kann nicht endgültig festgeschrieben werden. In der Praxis der Repräsentation werden jedoch ständig Versuche unternommen, in die vielen potentiellen Bedeutungen des Bildes zu intervenieren und einer davon zu einem privilegierten Status zu verhelfen.
[…]
Bedeutung hängt somit von der Differenz zwischen Gegensätzen ab. Binäre Gegensätze – weiß/schwarz, Tag/Nacht, männlich/weiblich, britisch/ausländisch – sind jedoch trotz ihrer Nützlichkeit, die Vielfalt der Welt in ihren Entweder/Oder-Extremen zu fassen, ziemlich rohe und reduktionistische Mittel, um Bedeutung herzustellen.
[…]
Stabile Kulturen sind darauf angewiesen, dass Dinge an ihrem zugewiesenen Platz bleiben. Symbolische Grenzen sorgen für die ‚Reinheit‘ der Kategorien und geben Kulturen so ihre einmalige Bedeutung und Identität. Ein deplatzierter Gegenstand stellt einen Angriff auf diese ungeschriebenen Regeln des Kodes dar. Schmutz im Garten ist in Ordnung, aber im Schlafzimmer ist er am falschen Platz – ein Zeichen für ‚Verunreinigung‘, für überschrittene symbolische Grenzen und gebrochene Tabus. Wir reagieren auf
‚deplatzierte Materie‘, indem wir sie aufwischen, rausschmeißen und Ordnung und Normalität wiederherstellen. Der Rückzug vieler Kulturen in Richtung einer ‚Schließung‘ gegenüber Ausländern, Eindringlingen, Fremden und ‚Anderen‘ ist Teil desselben Prozesses der ‚Reinigung'(Kristeva,1982).

Symbolische Grenzlinien sind somit zentral für jede Kultur. Differenz kenntlich zu machen, führt uns symbolisch gesehen dazu, die Reihen zu schließen, die Kultur abzuschotten und alles, was als unrein oder anormal definiert wird, zu stigmatisieren und auszugrenzen. Paradoxer Weise jedoch wird Differenz dadurch auch mächtig. Sie ist seltsam attraktiv, gerade weil sie verboten, tabu und gefährlich für die kulturelle Ordnung ist. Daher „ist das, was sozial periphär ist, häufig symbolisch zentral“ (Babcock,1978). […]
Die Repräsentation von ‚Differenz‘ durch den Körper wurde zum diskursiven Ort, über den ein Großteil dieses ‚rassisierten Wissen‘ [gilt ebenso für die Dimensionen Geschlecht, Klasse, Sexualität, Behinderung, etc] produziert und in Umlauf gebracht wurde. [Stuart Hall, 2004, Das Spektakel des ‚Anderen‘, 108, 110, 117, 119f, 128]

„Im besonderen legt der sprachliche Ausdruck Anfänge und Abschlüsse fest, und so etwas gibt es eigentlich nicht“ [Valéry, Cahiers 1, 473]

„Er hat sein Schachbrett.
Gott,Universum, Materie, Geist, Schachfiguren.
—–Der Zweigeteilte spielt mit sich.
———-Fähigkeit, nicht einer zu sein.
———-Wichtigkeit, sich zu ignorieren
———-um zu verstehen und gegen sich
———————————————————-zu spielen.

Den (virtuellen) Mund halten.
untersagt das Denken.
Aber der notwendige Wille, um inneres Schweigen zu gebieten, impliziert – im Bemühen, die für die innere Sprache notwendige Virtualitäten stillzulegen – einen Gedanken, der gerade jener Absicht zuwiderläuft, die er durch sein Dazwischentreten verwirklichen soll.
Schweigen im Innern. [Valéry, Werke I, 459,460]

„Was die Interpretationen nach dem Buchstaben angeht, so habe ich mich schon an anderer Stelle über diesen Punkt geäußert; aber man wird genug darauf hinweisen können: Es gibt keinen wahren Sinn eines Textes. Der Autor hat hier keine Autorität. Was immer er hat sagen wollen: er hat geschrieben, was er geschrieben hat. Einmal publiziert ist der Text wie eine Apparatur, deren sich jeder auf seine Weise und nach seinen Möglichkeiten bedienen kann: es ist nicht sicher, daß der Erbauer sie besser verwendet als irgendein anderer. Wenn er im übrigen sehr wohl weiß, was er machen wollte, so trübt doch gerade diese Kenntnis in ihm die Wahrnehmung dessen, was er wirklich geschaffen hat“ [Valéry, Werke I, 524]

„Der Roman ist künstlerisch organisierte Redevielfalt, zuweilen Sprachvielfalt und individuelle Stimmenvielfalt. Die innere Aufspaltng der einheitlichen Nationalsprachen in soziale Dialekte, Redeweisen von Gruppen, Berufsjargon, Gattungssprachen, Sprachen von Generationen und Altersstufen, Sprachen von Interessensgruppen, Sprachen von Autoritäten, Sprachen von Zirkeln und von Moden, bis hin zu Sprachen sozial-politischer Aktualität (jeder Tag hat seine eigenen Losung, sein Wörterbuch, seine Akzente) […] Der Roman orchestriert seine Themen, seine gesamte abzubildende und auszudrückende Welt der Gegenstände und Bedeutungen mit der sozialen Redevielfalt und der auf ihrem Boden entstehenden individuellen Stimmenviefalt […] Jede von ihnen begründet eine Vielzahl von sozialen Stimmen und eine Vielfalt von (immer mehr oder weniger dialogisierten) Verbindungen und Korrelationen zwischen den Aussagen und den Sprachen. [Michail M. Bachtin, 1979: Das Wort im Roman, in: Die Ästhetik des Wortes, Hg Rainer Grübel, Suhrkamp, S. 157]

„Als Leser von Nietzsche müssen wir vier mögliche Mißverständnisse vermeiden: 1. Über den Willen zur Macht (glauben, daß der Wille zur Macht „Wunsch zu beherrschen“ oder „die Macht wollen“ bedeutet);
2. über die Starken und die Schwachen (glauben, daß die „Mächtigsten“ in einer Gesellschaft dadurch die „Starken“ sind);
3. Über die ewige Wiederkunft (glauben, daß es sich um eine alte Idee handelt, die den Griechen, Hindus oder Babyloniern entlehnt wurde; glauben, daß es sich um einen Kreislauf handelt, um eine Rückkehr des Gleichen und eine Rückkehr zum Gleichen);
4. über die letzten Werke Nietzsches (glauben, daß diese Werke übertrieben oder bereits durch den Wahnsinn disqualifiziert sind) [Nietzsche, ein Lesebuch von Gilles Deleuze (1979),43]

„Als Kant die Idole von ihrem hohen Sockel stieß und sich die Aufgabe stellte, das transzendentale Feld zu vermessen, hätte er wieder an diesen Sinn für die Oberflächen anknüpfen können – doch erneut erlag er den trügerischen Verlockungen des Himmels. Ganz anders verlief der Weg Nietzsches. Nietzsche kam aus den Tiefen, aus dem undifferenzierten Abgrund des Schopenhauerschen Willens und hat versucht, ‚was an Tiefenmonstren und Himmelsgestalten noch vorhanden war‘, wieder auf die Erde zu holen, um so die Labyrinthe der Oberfläche zu erforschen. Doch erneut gab er dem Anruf des Abgrunds nach […] Was die beiden Denker jedoch eint, ist, daß keiner von ihnen ‚es auf dieser zerbrechlichen Oberfläche mehr aushielt, deren Verlauf [sie] gleichwohl aufgezeichnet [haben]. Eine Art Oberflächenflucht kennzeichnet ihre gemeinsame Ohnmacht“ [Jacob Rogozinski, 1996: Ohnmachten (zwischen Nietzsche und Kant), 80f]

„Friedrich Nietzsche in seinen Werken“, Lou Salomé, 1894 [archive.org]

„Light thinks it travels faster than anything but it is wrong. No matter how fast light travels, it finds the darkness has always got there first, and is waiting for it.
(Terry Pratchett)

 

Bewegung zum Anderen ohne Rückkehr, Bedürfnis und Begehren

Die heteronome Erfahrung, die wir suchen, wäre eine Haltung, die sich nicht in kategoriale Bestimmungen konvertieren kann und deren Bewegung zum Anderen hin sich nicht in der Identifikation wiedergewinnt […]
Wer darauf verzichtet, den Erfolg seines Werks zu erleben, hat diesen Sieg in einer Zeit ohne das Ich; er zielt ab auf diese Welt ohne Ich, er intendiert eine Zeit jenseits des Horizonts seiner Zeit. Eschatologie ohne Hoffnung für sich oder Befreiung von meiner Zeit. Sein für eine Zeit, die ohne mich wäre, sein für eine Zeit nach meiner Zeit, für eine Zukunft jenseits des berühmten „Sein-zum-Tode“, ein Sein-für-nach-dem-Tode – „Daß die Zukunft und die entferntesten Dinge die Regel seien für alle gegenwärtigen Tage“ – dies ist kein banaler Gedanke, der die eigene Dauer erschließt, sondern der Übergang zur Zeit des Anderen. […]
dem Subjekt, dem es nach der Formel Heideggers „in seinem Sein um dieses Sein selbst geht“; dem Subjekt, das sich derart als Sorge um sich selbst bestimmt – und das im Glück sein „Für-sich“ vollzieht -, stellen wir das Begehren des Anderen entgegen, das von einem schon erfüllten und unabhängigen Seienden ausgeht und das nichts für sich selbst verlangt. Bedürfnis dessen, der keine Bedürfnisse mehr hat, gibt es sich zu erkennen in dem Bedürfnis nach dem Anderen, dem Anderen als Mitmensch; der Andere ist weder mein Feind (wie er es bei Hobbes und Hegel ist) noch meine Ergänzung, wie noch im Staat Platons, der nur zustande kommt, weil jedem Individuum etwas an seinem Bestand fehlt. Das Begehren des Anderen entsteht in einem Wesen, dem nichts fehlt, oder genauer, es entsteht jenseits als dessen, was ihm fehlen oder was es befriedigen kann. […] Im Begehren richtet sich das Ich auf den Anderen; so gefährdet es die selbstherrliche Identifikation des Ich mit sich selbst, nach der allein das Bedürfnis sich sehnt und die vom Bewußtsein des Bedürfnisses vorweggenommen wird. Statt mich zu ergänzen und zu befriedigen, zieht mich die Bewegung zum Anderen in eine Konstellation, die mich einer einer Seite her nicht betraf und mich gleichgültig lassen musste: „Was habe ich denn in dieser Galeere zu suchen?“ (Molière) […]
Die Beziehung zum Anderen stellt mich in Frage, sie leert mich von mir selbst; sie leert mich unaufhörlich, indem sie mir so unaufhörlich neue Quellen entdeckt. Ich wußte nichts von meinem Reichtum, aber ich habe nicht mehr das Recht, etwas festzuhalten. Ist das Begehren des Anderen Hunger oder Großmut? Das Begehrenswerte sättigt nicht das Begehren, sondern vertieft es, es nährt mich in gewisser Weise mit neuem Hunger. Das Begehren gibt sich als Güte zu erkennen.
Der Andere gibt sich im Rahmen der Totalität, der er immanent ist und die, entsprechend den treffenden Analysen von Merleau-Ponty, durch unsere eigene kulturelle Tätigkeit, die leibliche, sprachliche oder künstlerische Gebärde, ausgedrückt und enthüllt wird. […]
Dies ist das Begehren: von einem anderen Feuer verzehrt werden als dem des Bedürfnisses, das die Sättigung löscht, über das hinaus denken, was man denkt
Emanuel Lévinas (2007): Die Spur des Anderen, S. 215, 217ff

 

Ich lasse mich rasieren,
vorweggenommen ist die Rasur schmerzlos und kostet natürlich einen angemessenen Preis.
Dies alles macht der Friseur.
Unerhört dick aufgetragen einen Seifenschaum.
Dann kommt die Pflicht des Bartabmannes, –
das Messer.
[Ernst Herbeck, 5.09.1978]

 

„Ich schneide Schinken,
und wen ich liebe, werd ich winken“
Jetzt wink ich – mir Dein Herz zu geben.
Du siehst, ich habe Gott zu leben!

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