Kunst◊Körper

Louise Bourgois, FEMME, 2005

Louise Bourgois, FEMME, 2005

“Mein Vater schnitt die Gestalt eines Mädchenkörpers aus einer Mandarinenschale, hielt sie vor allen Leuten hoch und rief: Seht her, das ist Louise, Sie hat nichts!” [Louise Bourgeois erinnert sich, zitiert von Silke Krohn, 36].

(Idealisierte) Frauenbilder im Surrealismus. Vorstellungen, pflanzen sich fort? Das heimische Nest früh verlassen, “and boldly trample the shameful chains that hold them down. In this way, they will soon triumph over custom and opinion. Having grown wiser by being freer” [Madame de Saint-Ange, Boudoir, 33]. Goldener Käfig? Wissen oder auch Klugheit, bedeuten bei de Sade nicht das, was meistens darunter verstanden wird. Freiheit von Moralvorstellungen, Konventionen, den vergänglichen, den sich verändernden, Metamorphosen. Weisheit – Reziprozität. Verführung. Bodys in motion.

skulpturale Lösung

Das Denken umdrehen. Auf dem Kopf gehen. In Frage stellen. Blindheit vs. Wahnsinn? Etablierte Wahrnehmungs- und Bedeutungsformen ablegen können, Überschreiten von Unterscheidungen, innen außen, Figur Hintergrund, weiblich männlich [vgl. Krohn, 54 und 68, bezugnehmend auf G. Batailles, “informe“]. Fetisch, Phallusersatz, Projektion, Angst, Möglichkeiten? Bellmer:”Wahrscheinlich überlegte man bisher nie ernsthaft genug, wie weit das Bild der begehrten Frau vom Bilde des Mannes her bedingt ist, der sie begehrt” [zitiert von Krohn, 56]. Körper und geometrische Formen, Körpern die elementaren Gewissheiten, geometrische und algebraische Gewohnheiten des Denkens, so zwinge der Mann der Frau Form auf, “wie der Gärtner den Buchsbaum zwingt, als Kugel oder Kubus zu leben” [vgl. Krohn 70] Reflektiert Bourgeois “das Vorgehen ihres männlichen Kollegen” [ebda], von der ‘anderen Seite’ kommend? 

Bellmer baut und zerlegt. Verdoppelung, Verfielfachung. Verschiebung. Skulpturale Lösung, das ist die von Bourgeois. Soft landscapes. Und dann the End of Softness, “was hier [in der Phase end  of softness] aus Bronze zu sehen ist, entstand ursprünglich aus der Arbeit mit Gips und der Beschäftigung mit dem menschlichen Körper” [Bourgois, zitiert von Krohn, 68]. Körper, die wir sind, also sind, “sogar sich selbst und zwar nach der Kenntnis, die der Mensch durch innere Empfindung von sich hat, darf er sich nicht anmaßen zu erkennen, wie er an sich selbst sei” [Kant, 95/AA 451]. Also mit Lacan, Ich ist ein Anderer? Das Ding an sich, nicht erreichbar, Wahrnehmung, Empfindungen, jeweils jeweilige Möglichkeiten. Zugang. Bei Bellmer der Nabel und Spiegel, “tief im Bauch als Panorama, bunt elektisch beleuchtet” [Bellmer, 13]. Verdoppelung beginnt bei ihm mit Schmerz. Ein schmerzender Zahn führt zu einer verkrampften Hand, ein künstlicher Erregungsherd, der Zahnschmerz sei dadurch geteilt, bildlich verdoppelt” [vgl. ebd. 73]. Reflex. Bewegung. De Sade schrieb, Lesende in Bewegung setzend, Vorstellung, schrieb tableaus, in denen es für jedes Subjekt einen Signifikanten gäbe, so dargestellt, daß das Subjekt dadurch gespalten würde [vgl. Tort, 119]. Also sich sich sehen, oder sich sich sehen, dort, jeweils und so vielleicht auch in der Kunst, einer Kunst? Empfinden, etwas erkennen, schon immer im Bild auch sein, möglicherweise.

Schock

Kastration. Die Frau ohne Kopf, häufiges Motiv im Surrealismus, scheinbar, ohne Blick, keine Erwiederung, -φ des kopflos-Machenden, Angst-Schnitt. Ein Schock, der stellt sich ein, wenn ein Mensch keine Zeit hat, gegenüber dem bedrohlichen Ereignis Angstbereitschaft zu entwickeln [vgl. Eiblmayr, 228]. Bei Walter Benjamin zeigt sich ein Moments des “Chocs” angesichts der Mechanisierung des Lebens [ebda]. Also einen Moment lang Anlauf nehmen, … reinrennen. Fragmentieren, das ist etwas was die ‘neuen Medien’ machen, zu Benjamins Zeiten und heute immer noch. Unser Blick ist es aber vielleicht gewohnt, inzwischen, erkennt nichts mehr? Einer trägt den Schock irgendwie mit sich herum, René Crevel, zitiert in ebenda:”Wenn man bedenkt, daß diese Passantin ein Photo von mir machen könnte: Einen Sohn. Das macht mir Angst. Zwei Groschen in einen Schlitz. Und in neun Monaten ein Resumé meines Portraits”. Eine Kopie, zwei Groschen? Ist es das, dass nicht(geschlechts)Verhältnis. Deshalb schaut´s auch anders aus. Eben das Bild, daran man sich hält. Daran man wird. Oder darin. Zwei Groschen. Mehr kann er nicht geben. Obwohl er doch hat. Kastration. Bellmer, Bourgeois, Kunstschaffende, die mit dem Thema umgehen, es nachzeichnen, zu Bild kommen lassen. Schreibende:”Die Schöpfung ist das ewige Spiel, das an den Grenzen vor sich geht. Sie ist spontan und zwingend, sie gehorcht einem Gesetz. Man tritt vom Spiegel weg, und der Vorhang geht auf. Séance permanente” [H.Miller, sexus, in: Bellmer Bourgeois, double sexus,126]. Und wenn man im Moment eines Schocks nicht nur keine Zeit sondern auch sonst nichts hat? Dann fällt und hält man sich in das Gegenüber, das man ist, schlüpfen in die eigene Repräsentation, bereits aufgeladen, die da ist und wird, eigentlich nicht ist und immer im Werden bleibt. Metamorphose.

Hans Bellmer, 1936

Silke Krohn in: Hans Bellmer Louise Bourgeois, double sexus, Katalog zur Austellung Nationalgallerie Staatliche Museen zu Berlin
Silvia Eiblmayr: Die surrealistische Erotik bei Hans Bellmer – die Gottesanbeterin und der Schock der Mechanisierung, in: Real.Text, Ritter Verlag, Klagenfurt, 1993
Hans Bellmer: Die Puppe, Ullstein KunstBuch, 1983
Der, der auf dem Kopf geht ist herausgerissen aus: Platon, Theaitetos, der, der Parmenides´ Theorie widerspricht und sagt, dass in jedem Seienden auch Nichtseiendes ist und vice versa. Ein Vatermörder. So ungefähr (vgl. auch Derrida, Jacques: „Frage des Fremden: vom Fremden kommend. Vierte Sitzung“, in: Von der Gastfreundschaft. Hg. v. Peter Engelmann. Übers. v. Markus Sedlaczek, Wien: Passagen 2001
)
Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Reclam, 2008 & Prolegomena (1783)

Michael Tort: Der Sade-Effekt, in: Das Denken des Marquis de Sade, Fischer Taschenbuch Verlag, 1988

A. Van Gelder, Louise Bourgois

 

Demnach gestehe ich allerdings, daß es außer uns Körper gebe, d. i. Dinge, die, obzwar nach dem, was sie an sich selbst sein mögen, uns gänzlich unbekannt, wir durch die Vorstellungen kennen, welche ihr Einfluß auf unsre Sinnlichkeit uns verschafft, und denen wir die Benennung eines Körpers geben, welches Wort also bloß die Erscheinung jenes uns unbekannten, aber nichtsdestoweniger wirklichen Gegenstandes bedeutet. Kann man dieses wohl Idealismus nennen? Es ist ja gerade das Gegenteil davon.” [Kant, 1783, S.62f]

 

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