Flechtwerk

Maurice-Merleau-PDoch das Nichts ist zu sehr außer sich

Wenn jemand Geburtstag gehabt hätte oder wenn jemand Todestag hat, das sind manchmal Gelegenheiten, … am 14. März wärs einerseits oder am 3. Mai andererseits soweit. Bei Maurice Merleau-Ponty.
Das Sichtbare und das Unsichtbare habe ich begonnen zu lesen, vor etwa einem Jahr und bis Dato nicht beendet. Obwohl es ein selten, -wenn nicht fast schon einzigartig- brilliantes Buch ist. Manche Sätze, Momente, Seiten, Abschnitte erzeugen in mir ein sprachloses, volles, klares Ja. Andere bleiben in der Schwebe, unbestimmt. Zitierwürdig ist das Buch auf vielen Ebenen, in vielen Kontexten. Somit:

Umrisse & Auszüge

“Das Welt-Sein, das Ding-Sein, das imaginäre Sein und das bewußte Sein. Der Endpunkt meines Blickes, meiner Erkundung, meine Körperbewegung versetzt die Welt in Schwingung. Die Dinge und mein Körper, in die Welt gelangen, in die Phantasien zurückziehen, als ob der Zugang zur Welt nur andere Seite eines Rückzugs aus ihr wäre. 
Instituierte Meinungen, Denkmäler historischer Landschaften. Das Wahre, weder Ding noch Mitmensch, den ich sehe, Annäherungsversuche. Zu den Sachen selbst gelangen, Gewißheit. Die Welt in einer absoluten Überschau | survol einfangen können.  In jeder Wahrheit ein Keim der Nicht-Wahrheit: Meine Gewißheit, durch meinen Blick an die Welt angeschlossen zu sein, verheißt mir schon, wenn ich ihn herumirren lasse, eine Pseudo-Welt von Phantasmen.
Überreflexion | surréflexion
Sie würde auch über sich selbst Rechenschaft ablegen, über die Veränderungen, die sie in das Schauspiel einführt. Die Reflexion selbst ist nur ein Akt der Wiederaufnahme. Die surréflexion würde das rohe Ding und die rohe Wahrnehmung nicht aus dem Blick verlieren, sie würde sprechen ohne einem Gesetz von Wortbedeutungen, Bedeutungsbüscheln, Dickichten aus Eigensinn unterworfen zu sein, die einer bestimmten Sprache innewohnen. Das Gefundene nicht schon voraussetzen, die Worte nicht in Anlehnung an deren vorgeprägte Bedeutung benutzen. Nicht das zu Findende urteilend vorwegnehmend. Sich in die Welt versenken, statt sie zu beherrschen. Die Welt befragen, eintreten in den Wald von Bezügen, den unser Fragen in ihr entstehen läßt, sie muss die Welt schließlich sagen lassen, was sie in ihrer Verschwiegenheit besagen will … .
Es geht nicht um ein Denken, das einer schon vorgegeben Route folgt, sondern um eines, das sich seinen Weg selbst bahnt, das sich selbst findet im Fortschreiten, das die Gangbarkeit des Weges beweist, indem es ihn begeht.
Subjektivität, Ego, das Bewußtsein ist ohne Bewohner. Es als Nichts, als Leere entdecken, die zur Fülle der Welt tauglich ist oder dieser vielmehr bedarf, um seine Nichtigkeit zu ertragen. Sein, Nichts. Absolutes Nicht-Ich, das Selbst als Abwesenheit oder Ausweichen. Ein Mangel, der sich selbst als Mangel konstituiert. Riß, der sich eingräbt genau in dem Maße, wie er sich auffüllt. Eingraben in die Gegenwart, ek-statisch in den Dingen. Eine Spielart des Identitätsprinzips
Namen, eher als wiederholte Andeutung und insistierender Hinweis auf ein vertrautes wie unerklärtes Geheimnis. Ein Licht, dessen Ursprung dadurch, daß es alles ürbige erhellt, im Dunkeln bleibt.
Untergrund imaginärer Welten.
Der Blick des Anderen
auf die Dinge bedeutet eine zweite Öffnung, innerhalb dieser Öffnung, die ich bin, ist er ein Fragezeichen. Verflechtung. Es scheint, als bildete sich unser Sehen im Sichtbaren, eine enge Verbindung wie zwischen dem Meere und dem Strand. Gegeben ist nur etwas, dem wir uns nur nähern können, indem mit dem Blick abtasten. Der Blick selbst umhüllt die Dinge. Er enthüllt sie dadurch, daß er verhüllt.
Der Blick ist selbst Einkörperung des Sehenden in das Sichtbare, Suche nach sich selbst im Sichtbaren, dem es zugehört. Das Sichtbare der Welt als Bindegewebe der äußeren und inneren Horizonte, Sehen als Frage und Antwort.
Vorgeblich Sichtbares, vorgebliche Farben, eine Art Engführung zwischen stets aufklaffenden inneren und äußeren Horizonten. Gewebe, Möglichkeit, Latenz, Fleisch der Dinge. Tasten mit dem Blick, jedes Sichtbare ist aus Berührbarem geschnitzt. Sobald ich sehe, muss das Sehen [vision] mit einer anderen oder komplementären Sicht synchronisiert sein, mit der Sicht meiner Selbst von Außen. Gesehenes Ding, sichtbar, herumschweifende und bald in sich gesammelte Sichtbarkeit. Er unterliegt einer Sicht, die unausweichlich und zugleich aufgeschoben ist. Wenn er berührt und sieht, sind die Objekte um ihn herum. Sie tapezieren von außen und innen seine Blicke und seine Hände. Berühren können, weil selbst sichtbar und berührbar, Teilhabe.
empfindend empfindbarer Leib
eine bemerkenswerte Spielart des fleischlichen Seins. Das fleischliche Sein als Sein der Tiefen, mehrer Blattseiten, mehrere Gesichter, als Sein im Verborgenen und als Anwesen einer gewissen Abwesenheit. Wechselseitiges Eingelassensein und Verflochtensein – sehender sichtbarer Leib. Sehend vom Gesehenen eingenommen immer noch sich selbst sehend. Grundlegender Narzißmus für jedes Sehen. Der Sehende erleidet das Sehen, das er praktiziert. Sehender und Sichtbares sich wechselseitig vertauschend, wer sieht und wer wird gesehen. nicht von außen den Umriß eines Leibes sehen, den man bewohnt, sondern vor allem gesehen werden von ihm, existieren in ihm, auswandern in ihn, verführt, gefesselt und entfremdet werden durch das Phantom. Sichtbarkeit, Generalität an Empfindbarem an sich, ein mir selbst eingeborenes Anonymes, Fleisch [chair], nicht Materie, eher Element, in einem frühen Sinne (Luft, Wasser, Erde, Feuer), ein generelles Ding.
Dieses Einrollen des Sichtbaren ins Sichtbare. Das Sichtbare dort gleichzeitig meine Landschaft, andere Landschaften als meine eigene. Zwei Augen, ein Organ der Erfahrung, Kanäle eines zyklopischen Sehens. Hände, Berührungen. Kleine Subjektivitäten, diese Bewußtseine von, sich wie Blumen zu einem Strauß verbindend. Jedes Sehen, jedes Berühren, hat sein eigenes Sichtbares und Berührbares und zugleich ist  es mit jedem sonstigen Sehen und Berühren verbunden.”

 

Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare, Übersetzung von Regula Giuliani und Bernhard Waldenfels, 3. Aufl., Wilhelm Fink Verlag, München 2004
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