TraumgeDanken

Monster des Alltags, erforscht und dargestellt von: Christian Moser & Carolin Sonner

Die wundervollen “Monster des Alltags”, erforscht und dargestellt von: Christian Moser & Carolin Sonner

 

somnium, somnium videre. Ebenso visum: Traum, Gesicht, Traumbild, Phantasie, Erscheinung. “Durch phsychische Aktivität hervorgerufenes Erlebnis beim Schlafen. Sehr starker Wunsch. Althochdeutsch: Troum, germanisch: drouma. 做梦 oder 睡梦 (was scheinbar auch ‘Schleim in den Augenwinkeln’ heißen kann, freundlich formuliert würde man vom Sandmännchen und seinen Überbleibseln reden), oder  愿望, wiederum auch Anliegen, Traumland. Oneiroi, Traum als Verkörperung des Traumes. Je nach Kontext. Alles natürlich immer unter Rücksicht auf Darstellbarkeit.

Tag

Wacht man auf, erinnert man sich an Bilder, Gefühle, Worte, Wortgefüge. Man sagt, man hat geträumt und zwar dies oder das. Oft verwirrend, aber vorhanden. Das Erlebte wird erinnert und wiedergegeben. Träumt man unter Rücksicht auf Darstellbarkeit? Wenn das Unbewusste am Werk ist, müsse man dann eigentlich sagen: Das Unbewusste will uns was darstellen. Wenn sich aber das Unbewusste nicht um Kategorien, Raum und Zeit und Co schert, diese nicht kennt, dann fragt sich, was die Darstellbarkeit .. herstellt. Darstellbarkeit nun: Die Möglichkeit der Erinnerung, die Erinnerung möglich entlang von Bildern, Wörtern, Buchstaben etc. . Also: Darstellbarkeit im Sinne von Anschaulichkeit, es ist unserer Anschauung zugänglich. Anschauung findet statt, wenn uns ein Gegenstand gegeben ist, er also “das Gemüt auf gewisse Weise affiziert” [KrV B33], wiederum liegt dem unser Vermögen der Sinnlichkeit zum Grunde, sonst könnten wir ja gar nicht affiziert werden. Die Wirkung dieser Eindrücke ist bei Kant Empfindung. Also etwas Empirisches. Die Sinnlichkeit liefert die Anschauung, so käme ich nun also zum Traumerlebnis. Der Verstand denkt diese gelieferten Dinge, so käme ich nun also zur Traumerzählung.  Im Traum gibt es nur Gegenwart, sagt Freud, also Präsens. Ein Wunsch Optativ, würde vergegenwärtigt, Präsens [Freud: Die Traumdeutung, GW II/III, relevant hier: Kapitel B. Die Regression]. Gibt es im Traum nur Gegenwart? Meint er, dass wir zu den Sphären Vergangenes und Zukünftiges im Traum keinen Bezug haben? Genauer: Unser gewohntes Hier-Jetzt-Gestern und so weiter – ist außer Kraft gesetzt. Das unterstreicht auch, dass eben nur der Verstand anhand der Vorstellungen von Raum und Zeit, quasi im Hintergrund agierend, Vergangenheit, Zukunft und jetzt konstruiert. Die Verstandestätigkeit macht das Leben ja auch irgendwie leichter, wenn es da diese Schnur gibt, entlang der man sich erinnert, eine Art Persönlichkeit herauskristalliert und man auch Termine ausmachen kann. Ginge ja sonst nicht. Treffen wir uns dann? Ja eh -dann. Gut, bis dann.

Ist der Traum etwas Sichtbares? Bei Freud gewissermaßen ja. Er erzählt von einem seiner Träume, das tiefe Blau des Wassers, das düstere Braun und Rot der Bauwerke die er sah und die einen “tiefen Eindruck hinterließen” [Fischer Taschenbuchausgabe 1988:446]. Er schreibt vom Gesichtsreiz und fragt sich, was sein Sehorgan* in diesen Reizzustand versetzt hätte. Also die Augen sind zu und das Sehorgan sieht dennoch, nach innen. Das schmälert, so finde ich, sämtliche andere sinnlichen Vermögen, die uns ausmachen. Oder spricht Freud vom Gesichtsreiz, der Einfachheit halber? Damit´s nicht so dunkel ist im Traum – im Nachhinein? So oder so, der Traum sei eigentlich ein Stück Regression, ein Wiederbeleben der Kindheit und – eine Regression in diese, unter Rücksicht auf die damals vorherrschenden Triebregungen und verfügbar gewesenen Ausdrucksweisen, das zeitlich ältere sei zugleich das formal primitivere. Wenn dem so sei, dann können die Eindrücke im Traum nicht die sein, die wir erinnern?
Oder konstruiert der Verstand eben um dieses dann die Erinnerung, macht es für uns erinnerbar? Wie auch immer: Freud zitiert an dieser Stelle in würdigenster Weise Nietzsche, in dem er schreibt “Wir ahnen, wie treffend die Worte Fr. N i e t z s c h e s  sind, daß sich im Traume ein uraltes Stück Menschentum fortübt, zu dem man auf direkte Wege kaum mehr gelangen kann”. So wird der Traum zum Fernrohr für unsere Menschheitsgeschichte. Kann man unterstreichen oder auch nicht. Interessant aber, die Abkürzung Fr .

Traum – geDenken

Jedenfalls, träumen ist nicht denken. Denkrelationen, wie es Freud nennt, also vlt. meint er damit Verstandestätigkeit, sind im Traum nicht am Werk. Ja, sie schlafen. Aber: Wenn ich aufwache und davon ausgehe, dass ich tatsächlich Trauminhalte erinnere, fragt sich: konstruiert mein Verstand im Nachhinein oder schläft er doch nicht so tief? Also wiederum mit Freud: “mühseligen Ausdruck finden”. Ist der Verstand doch so ein Bißchen aktiv und versucht all das, was da so kommt, zu sortieren? Armer Verstand, sollte sich vielleicht ein Wenig der Trödelei hingeben.
Warum tut er sich schwerer, wenn Mensch schläft? Welcher Anteil fehlt, um uns wie im Wachzustand erleben und erfassen, erfahren zu lassen? So oder so: Unser sinnliches Vermögen scheint nie zu schlafen. Erleben können wir selbst im Schlaf. Ich träumte mal von einer Autofahrt über Feld und Acker und wachte auf, mit den Händen (wie) am Steuer. Die Hände beim Autofahren am Steuer zu haben, ist andererseits erlernt, Gewohnheit.

Schema des psychischen Apparats, Fig.3, S. 441

Schema des psychischen Apparats, Fig.3, S. 441

Bei Freud gibts drei Schemata, bei denen sich Erinnerungsspuren einprägen, die aufgrund von Wahrnehmung entstehen. Genauer: Wahrnehmungsreize. Also das, was bei Kant unser sinnliches Vermögen ist – unsere Fähigkeit der Anschauung sozusagen. Das hat wiederum bei Freud kein Gedächtnis. Ich nehme an, Kant würde dem zustimmen. Dahinter liege ein System, welches die Reize in Dauerspuren umsetze, er schreibt noch, dass diese “noch etwas anderes als bleibend bewahren als den Inhalt derselben” [439]. Die Verknüpfung derselben miteinander – Assoziation, Erinnerungssysteme. Ohne ins Detail zu gehen, denn diese Verstehe ich nicht, oder eher mein Verstand versteht sie nicht (der Hund), meint er, dass hier verschiedene Fixierungen stattfinden, entlang von Ähnlichkeit. Da wäre Kant und seine Kategorien. Unser Verstand arbeitet entlang von verschiedenen Rastern, die unser Hier und Jetzt, Ich und Du, Dort und Da etablieren (das Fort eigentlich auch, aber vielleicht gehört gerade das in den Bereich Anderes). Alles was quasi dahinter liegt, kann auch dem Unbewussten zukommen und hier fände mehr oder weniger – Freud lässt dies offen –  die Traumbildung statt [ 441]. Jedenfalls haben diese das Bestreben ins Bewusstsein zu gelangen. Tagsüber bildet der Widerstand (der … Verstand?) die Schranke und Freud fragt, welche Veränderung hat Statt – auf das wenn wir schlafen, diese Schranke..schläft? Warum wollen diese unbewussten Bewegungen ins Bewusstsein – kann man, wenn man schläft, überhaupt schließen, dass etwas ins Bewusstsein drängen wolle? Tut es das nicht auch im Wachzustand? Nur dass es da halt etwas komplizierter ist?
Egal nun das alles, die Frage ist: Der Schritt vom Träumen hin zur Traumerzählung ist unter Umständen keine Quelle, kein direkter Weg zu unbewussten Vorgängen, weil der Verstand hier schon arbeitet. Oder anders: Auch der Verstand, Teile seiner Tätigkeit sind nicht nur bewusste Anteile, auch der Verstand hat Anteile, von denen wir nichts wissen, somit wäre die Kluft zwischen Bewusst und Unbewusst nicht derart gewaltig.

Nacht

Gibt es diese Nacht zwischen Bewusst und Unbewusst? Und Vorbewusst sei Dämmerung? Geht es nicht vielmehr Hand in Hand und wir verdrängen alles, was wir wir nicht wissen können und/oder wollen in den Begriff “Unbewusst”? Nicht mal, das wir verdrängen würden, wir sind einfach nicht so gestrickt, als das unser Verstand, unser ‘Wach-Sein’, diverse Dinge vereinbaren kann? Wir im Wachzustand und was wir Bewusstsein nennen, ist nur ein kleiner Teil, nicht weil alles andere der Verdrängung anheimfalle, sondern weil wir halt einfach aktuell so ticken, dass nur das, was unser Verstand begreifen und konstruieren kann, ‘wahrnehmen’,..quasi. Unangenehmes würde verdrängt, weil es unangenehm ist, oder nur so scheint – weil wir so und so gestrickt sind und in dem und dem Kontext leben – nicht weil Unbewusstes per se ‘schrecklich’ ist?!
Macht nicht die, ich behaupte mal, etablierte Art zu ticken, also unser Verstand, sehr viel zunichte, wenn wir beispielsweise durch Ähnlichkeit Dinge überhaupt erst Wahrnehmen? Wir erleben etwas und irgendwie im Hintergrund fügen sich diese Dinge (an)ein(ander). Ähnlich ist gut, weil bekannt. Unähnlich ist oft fremd, unbekannt, unbehaglich? “Wir erklären uns die Welt, wie sie uns gefällt”. Wir erschließen Welt, “Erklären heißt auf Bekanntes zurückführen” [zitiert Bruce Fink Freud in einer Fußnote in “Wider den Verstehenszwang”, 2012:300. Ein großartiger Text, übrigens, sagt alles und sogar Sokrates bekommt eine Absage]. Im Grunde hat sich entlang dieser Bewegung unsere Kultur etabliert. Ordnen, erkennen, wissen. Es schlägt sich nieder in Allem was uns umgibt. Es war bequem und vielleicht auch gut so, inzwischen machen sich andere Bewegungen breit, öffnen Horizonte. Die Psychoanalytische Theorie ist hier eine der Diskurse, die über unser scheinbar begreifbares So-Sein hinausgeht.

Ebenso die Phänomenologie, mit Husserl, “Sie [die Welt, die in jedem wachen Moment bewußtseinsmäßig vorhanden ist] reicht vielmehr in einer festen Seinsordnung ins Unbegrenzte”. Hier findet sich genau das Potential, über bekannte Horizonte hinauszugehen. Weil Fragen gestellt werden und nicht stehengeblieben wird bei Dingen, die Unangenehm werden könnten. Die Psychoanalytische Theorie geht genau in diese Kluft hinein und voilá, kann genau darin bestehen und sich entfalten. Kann – wohlgemerkt. Kann man träumen von einer Welt, in der sich ‘das Unbewusste’ quasi nicht so in die Ecke gedrängt fühlen muss, auf das es nur im Schlaf sich darstellen kann? Also nur, wenn das Ich als vermeintlicher Herr im Hause abwesend ist? Unsere sinnlichen Vermögen mehr Platz in dieser Welt erhalten? Gott sei Dank träumen wir, eine Spur jenseits des Gewohnten. Ähnlich vlt wie atonale Musik, sie betont die Zwischentöne.

PS: Hier sei gesagt: Der Beitrag garantiert keine Rücksicht auf Vollständigkeit. Und was hat die Trödelei damit zu tun? Nichts und eigentlich alles.

Das Husserl-Zitat stammt aus: Die phänomenologische Fundamentalbetrachtung, I. Die Thesis der natürlichen Einstellung und ihre Ausschaltung, in: Reclam: Edmund Husserl, Die phänomenologische Methode – ausgewählte Texte I, 2010, Seite 132.

Der Artikel von Bruce Fink findet sich in: Zur Negation der psychoanalytischen Hermeneutik / Timo Storck (Hg.), Psychosozial Verlag, 2012

 

 

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